“Ich schreibe einen Strick-Blog” – hä, what?? Ich glaube auch nach vielen Jahren Maschenfein, wird wohl der ein oder andere noch ein wenig stark schmunzeln, wenn ich das erzähle. Klar, erzähle ich auch von meinem tollsten Woll-Shop der Welt, doch auch den Sinn hinter einem reinen Woll-Shop können Nicht-Stricker wohl nie verstehen. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Dass hinter diesem vermeintlich verstaubten Hobby ein riesiger Schatz an interessanten Fragen und Herausforderungen steckt. Dass Stricken (und Häkeln) sehr viel mit Mathematik zu tun haben und dass allein die Welt der Fasern eine unendlich Große ist, die zu erkunden immer und immer wieder spannend ist, erschließt sich einem nicht sofort so ganz.

Ihr wisst wie ich das meine, oder?

Als ich vor einiger Zeit über den Blog von Jasmin stieß merkte ich schnell: Da schreibt jemand gern. Da schreibt jemand über Wolle gern! Oh, dieser jemand könnte auch hier für Euch ab und an schreiben. Das wäre großartig. Ich schrieb Jasmin an, wir telefonierten und sie fand die Idee genauso toll. Wir überlegten worüber sie schreiben könnte, Materialkunde ist unser beider Ding und da aktuell bei fast allen Herstellern der Trend zur Beimischung künstlicher Fasern zu beobachten ist, starten wir heute mit dem allseits polarisierenden Thema “Kunstfasern”. Was sind Kunstfasern und was genau haben sie eigentlich in unseren Garnen verloren? Wann sind Kunstfasern “ok”? Unter welchen Umständen nehmen wir sie in Kauf und wieso beobachten wir aktuell diesen Trend zu stärkeren Kunstfaser-Anteilen in unseren Handstrickgarnen?

Genau. Herzlich willkommen, Jasmin! Ich übergebe Dir das Wort und darum geht es heute:

Kunstfaser in Handstrickgarnen – warum wird Kunststoff zu Wolle hinzugefügt?

Ein Blick auf die Garnbanderole verrät euch neben der Lauflänge und dem Gewicht auch, woraus euer Garn genau besteht. Aber habt ihr euch schon einmal gefragt, was Kunststofffasern in eurem Strickgarn zu suchen haben?

Foto: © Mein gehäkeltes Herz

Im heutigen Artikel versuche ich euch einmal einen kleinen Einblick zu geben, welche Rolle Kunstfasern wie Polyamid oder Polyacryl im Handstrickbereich spielen und warum sie überhaupt Verwendung finden. 

Was sind Kunstfasern überhaupt

Spricht man von Kunstfasern, sind Fasern oder Textilien gemeint, die durch einen chemischen Verarbeitungsprozess aus Erdöl, Erdgas oder Kohle hergestellt werden. Neben diesen klassischen künstlichen Fasern gibt es auch noch so genannte “Regeneratsfasern”. Diese werden auch durch chemische Prozesse gewonnen, ihr Grundstoff ist jedoch pflanzlicher Herkunft. Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise Viskose, Lyocell oder Modal. Um diese zellulose-basierten Fasern soll es aber in diesem Artikel nicht gehen, sondern um Polyamid, Polyacryl, Polyester und Elasthan. Auf Banderolen von Garnen lassen sich häufig diese vier Fasertypen finden. Sie haben verschiedene Eigenschaften und werden daher auch für unterschiedliche Zwecke eingesetzt.

Auf Banderolen lassen sich häufig vier verschiedene künstliche Fasertypen finden: Polyamid, Polyacryl, Polyester und Elasthan.

Allen Kunstfasertypen ist jedoch im Vergleich zu natürlichen Fasern eine schlechtere Wärme- und Feuchtigkeitsleitfähigkeit eigen. Unter Kleidung aus diesen Fasern staut sich Körperwärme besser und der Träger schwitzt leichter. Dadurch nehmen die Stücke auch schneller unangenehme Gerüche an.

Polyamid

Polyamid ist auch bekannt unter den Begriffen Perlon oder Nylon. Polyamid wird Garnen wie Sockenwolle beigemengt um die Reißfestigkeit und Strapazierfähigkeit zu erhöhen. 

Polyacryl

Polyacryl (oder Dralon) wurde in den 1940er Jahren erfunden und ist eine Faser, die sehr häufig in der Bekleidungsindustrie Anwendung findet. Besonders interessant für den Handstrickbereich sind seine wollähnlichen Eigenschaften. Garne aus diesem Material zeichnen sich in ihrer Haptik durch einen weichen Griff aus und wirken wärmend. Daher fühlen sich Gewebe aus reinem Polyacryl ähnlich wie Wollgewebe an, haben aber ein deutlich leichteres Gewicht. Zudem sind diese künstlichen Fasern sehr unempfindlich, nehmen kaum Wasser auf (weshalb sie schnell trocknen) und sind allgemein sehr pflegeleicht. 

Polyester 

Polyester ist  eine Faser, deren positive Eigenschaften sich in einer hohen Reißfestigkeit und Strapazierfähigkeit äußern. Polyester nimmt nur wenig Feuchtigkeit auf und wird daher auch für Sportkleidung genutzt.

Bei Garnen findet sich Polyester als glitzerndes Beilaufgarn aber auch als Beimengung oder gar alleiniger Fasertyp. Polyestergarne sind haptisch deutlich von tierischen Fasern zu unterscheiden. Durch die hohe Formstabilität des Materials können Strick- oder Häkelstücke als unangenehm und kratzend wahrgenommen werden. 

Elasthan

Elasthan ist eine hoch dehnbare Faser, die vergleichbare Eigenschaften wie Gummi aufweist. Aufgrund dieser Ausgangseigenschaften wird Elasthan lediglich als Beimengung für andere Fasern genutzt. Besonders oft findet es sich beispielsweise in Sockenwolle um dort ein gewisses Maß an Flexibilität zu erreichen.

Welche Rolle spielen Kunstfasern in Handstrickgarnen

Kunstfasern werden anderen Fasertypen aus bestimmten Gründen beigemengt, oder sie ersetzen den Einsatz von Naturfasern vollständig. Im Folgenden findet ihr ein paar Einblicke, warum sich künstliche Fasern einer solchen Beliebtheit erfreuen.

Optische Effekte und besondere Eigenschaften

Garne mit eingezwirnten Goldfäden oder anderem Flitter sind ohne Frage sehr schick, allerdings sind diese glänzenden und schimmernden Beilauffänden aus Kunstsoff, der auch auf der Banderole aufgeführt werden muss.

Doch nicht nur um Garne optisch etwas aufzuhübschen wird auf Kunstfasern zurückgegriffen. Häufig bieten Kunstfasern Eigenschaften, die die reine Naturfaser nicht aufweist. So sollen Garne beispielsweise widerstandsfähiger gemacht oder am verfilzen gehindert werden.

Häufig bieten Kunstfasern Eigenschaften, die reine Naturfaser nicht aufweist, sie können Garne beispielsweise widerstandsfähiger machen.

Da einige Kunstfasern wollähnliche Eigenschaften aufweisen, werden sie auch häufig als alleinige Materialien für Handstrickgarne eingesetzt. Zudem gibt es schöne Effektgarne, wie beispielsweise Teddy- und Fake-Fur-Garne oder Schwammgarne, die aus reinen Kunstfasern bestehen und die es auf die gleiche Weise mit natürlichen Fasern nicht geben würde.

Die Superwash-Ausstattung

Wollfasern neigen aufgrund ihrer Oberfläche dazu zu filzen. Das Ergebnis ist das berühmt berüchtigte Einlaufen nach dem Waschen. Um das zu verhindern, werden Wollfasern, besonders für Babykleidung oder Socken, mit einer Schicht aus Kunststoff ummantelt. Dieser Vorgang wird auch Hercosett-Verfahren genannt. Garne die dieser Behandlung unterzogen wurden, bekommen oft das Label Superwash oder Filzfrei. 

Preisgestaltung

Fasern tierischer Herkunft sind keine günstige Angelegenheit. Immerhin müssen die Tiere vorab gepflegt, gefüttert und geschoren oder gekämmt werden. All diese Arbeitsschritte kosten Geld und Ressourcen, die sich später auf den Preis des Rohmaterials auswirken. Neben klassischer Schafswolle sind in den letzten Jahren auch zunehmend mehr Premium Fasern wie Yak, Kamel, Kaschmir in den Fokus der Garnhersteller und Strickliebhaber gerückt. Für reine Yak-Wolle sind Preise zwischen 15 und 20€ pro 50g nichts ungewöhnlich. Längst kann sich aber nicht jeder Kunde diese Preise leisten. 

Es herrscht eine große Nachfrage nach Naturfasern am Markt, wodurch die Preise stark gestiegen sind. Hersteller gehen dazu über Naturfasern mit künstlichen Teilen “zu strecken”, um die Preise für Konsumenten möglichst zu halten.

Zudem ist gerade eine große Nachfrage nach Naturfasern am Markt, was den Preis für die Rohprodukte nochmals steigert. Aus diesen Gründen gehen die Hersteller dazu über Naturfasern mit künstlichen Teilen zu strecken. So wollen sie den Kunden die Eigenschaften der Naturfasern bieten, den Preis jedoch in einem Rahmen halten, der nicht zu sehr im Luxussektor angesiedelt ist.

Bei Garnen die aus 100% Kunstfasern bestehen, spielt die Frage nach dem Preis ebenfalls eine wichtige Rolle. Diese Garne sind in der Regel deutlich günstiger als Garne aus oder mit Naturfasern.

Sonstige Gründe für den Einsatz von künstlichen Fasern

Neben den oben aufgeführten Gründen gibt es natürlich noch einige weitere Gründe, warum Kunstfasern so beliebt sind. Sie eignen sich in der Regel gut für Menschen, die auf Tierhaar allergisch reagieren, oder vegan leben wollen, aber dennoch auch das Echtwoll-Feeling, das Polyacryl bietet, nicht missen wollen. Auch Einsteiger können von den Eigenschaften von Kunstfasern anfangs profitieren: Das Material ist widerstandsfähig und lässt sich leicht ribbeln, ohne dass die Fasern zu großen Schaden nehmen. 

Allergiker oder Veganer können vom Angebot künstlicher Fasern profitieren. Aber auch für Anfänger können Vorteile von Garnen mit Kunstfasern geniessen.

Qualität von Natur-/Kunstfasergemischen

Grundsätzlich haftet Kunstfasern ein eher problematisches Image an. Gerade in einer Zeit, in der ZeroWaste und die Reduktion von Kunststoffen im Alltag immer wichtiger wird, gerät Garn mit einem hohen Anteil chemischer Fasern immer mehr in einen kritischen Blickwinkel. Wenn man sich mit Kunstfasern auseinandersetzen möchte, muss man jedoch beide Seiten betrachten.

Kunstfasern haben ein zunehmend problematisches Image in unserer Zeit von “ZeroWaste”, in der wir uns aktiv um die Reduktion von Kunststoffen im Alltag kümmern sollten (Stichwort Micro-Plastik).

Einerseits haben Kunstfasern viele negative Eigenschaften, wie die schlechtere Wärmeleitfähigkeit und die Tatsache, dass diese auch beim Waschen Micro-Plastik ans Wasser abgeben können. Zudem sind gerade 100%ige künstliche Fasern nicht immer angenehm zu tragen. Dennoch gibt es auch viele Eigenschaften auf der Pro- Seite.

Kunstfasern können Garne in einem gewissen Rahmen aufwerten. Kaum jemand würde ein Effektgarn mit Glanzfaden als billig oder qualitativ minderwertig bezeichnen. Auch erfreuen sich Garne mit Superwash-Ausstattung großer Beliebtheit, da sie auch weiche und empfindliche Fasern widerstandsfähiger machen und leichter waschbar sind. Und auch der Mix von hochwertigen Natur- und chemisch erzeugten Fasern hat kaum etwas mit minderwertiger Qualität zu tun- sondern hängt häufig schlicht mit dem Preis zusammen, den der Endverbraucher später zahlen kann und muss.

Schlussendlich ist es eine sehr persönliche Frage, ob man auf künstliche Fasern verzichten möchte und auch, ob man es aus finanzieller Sicht kann.

Wie steht ihr zum Thema Kunstfasern- vermeidet ihr sie oder überwiegen für euch die Argumente, die für sie sprechen?


Falls Ihr euch nochmals näher in das Thema Pro und Contra von Kunstfasergarnen einlesen möchtet, dann schaut doch auf meinem Blog Mein gehäkeltes Herz beim Beitrag Vor- und Nachteile von Kunstfasern vorbei. Dort habe ich noch ein paar andere Aspekte dieses Themas aufgegriffen und beleuchtet.



Mein Name ist Jasmin und wenn ich mich nicht gerade in einem Wolladen vergraben habe, dann schreibe ich über meine Häkelleidenschaft.
Ursprünglich stamme ich aus Neu-Ulm, der Stadt, neben der Stadt mit dem höchsten Kirchturm der Welt und bin folglich mit dem schönsten Panorama der Welt vor der Nase aufgewachsen. Im echten Leben habe ich Erziehungswissenschaften studiert und arbeite als Jugendsozialarbeiterin.  In meiner Freizeit gehört dem Fotografieren und dem Häkeln mein Herz.

Marisa

Über Marisa

Die ersten Maschen schlug ich mit meiner Oma Lotti mit etwa fünf Jahren an, im Jahr 2014 gründete ich "Maschenfein". Was als Blog begann ist heute zu dem Online Shop für Wolle & Strickzubehör geworden, den ich mir immer gewünscht habe.

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2 Kommentare

Meltem

Liebe Jasmin, vielen Dank für diesen informativen Beitrag. Ich habe sehr viel gelernt. Ich hasse Polyester und versuche komplett darauf zu verzichten. Jetzt habe ich mir Merinowolle in Sockenstärke gekauft. Eignen diese sich auch für Socken oder werden die Socken schneller ausleiern oder verfilzen oder kaputt gehen und es wäre vergeben Mühe so viel Strickzeit in die Socken zu investieren? Ich hätte so gerne Socken ganz ohne Polyester 🙂

Sophia Michalzik

Liebe Meltem, es kommt darauf an, was du mit deinen Socken vorhast. 😉 Wenn es nur Socken sind, die du nur zu Hause und hauptsächlich zum Auf-dem-Sofa-Einkuscheln anhast, werden sie sicher etwas länger halten, trägst du sie aber tatsächlich als “Lauf-Socken”, werden sie – so befürchte ich – nicht lange halten. Von Pascuali gibt es beispielsweise noch die Pinta, die du auch sehr gut zum Sockenstricken nehmen kannst und die ohne Poly-Zusätze und Superwash-Behandlung auskommt. Pascuali gibt an, dass man Strickstücke aus der Pinta auch bei 30 Grad in der Maschine waschen kann. Ich würde das vorher anhand einer Maschenprobe testen. Ansonsten gilt, dass (reine) Merinowolle nicht in die Waschmaschine gehört, da das Strickstück schnell verfilzt. Ansonsten würde ich dir noch die Forest von Pascuali sowie die Merino Twist Solids von Cowgirl Blues empfehlen. Beide sind superwash behandelt, haben aber sonst keinen Kunstfaseranteil. Zudem achten beide Hersteller auf faire Produktionsbedingungen und die Umweltverträglichkeit ihrer Produkte.

Du siehst: Das Thema ist nicht einfach und ich kann deinen Wunsch nach Wolle ohne Kunstfaseranteil total verstehen. Bei Socken muss man eben nur die Strapazierfähigkeit bedenken.Ich hoffe, ich konnte dir etwas weiterhelfen. Liebe Grüße! Sophia

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